"Farmers League" - fehlt der Ligue 1 die Qualität?

07.11.2020

Nach dem 3:1-Sieg von Olympique Lyon über Manchester City im Champions League Viertelfinale der vergangenen Saison, konnte sich Kylian Mbappé eine Spitze in Richtung der Kritiker, die in der Vergangenheit die Qualität der Ligue 1 infrage gestellt hatten, nicht verkneifen. "Farmers League" twitterte der PSG-Shootingstar ironisch und gratulierte Lyon, die sich als zweite französische Mannschaft für das Halbfinale qualifizierte, während alle Vereine aus England, Italien und Spanien bereits ausgeschieden waren. Vor allem in England werden vermeidlich schlechtere Ligen immer wieder als "Farmers League" - also Bauernliga - bezeichnet. Die Ligue 1 schafft es seit Jahren nicht, dieses Label loszuwerden und wird nur selten zur den europäischen Eliteligen gezählt. Aber ist das überhaupt gerechtfertigt? Fehlt der Ligue 1 wirklich die Qualität?

Wettbewerbe miteinander zu vergleichen ist nicht so einfach. Die UEFA bewertet jede Liga jährlich neu, die Ergebnisse spiegeln sich in der 5-Jahreswertung wider. Auf ihrer offiziellen Website wird erklärt, dass das Ranking auf den Resultaten des jeweiligen Verbands in den fünf jüngsten Spielzeiten in der Champions League und Europa League basiert. Am Ende der letzten Saison erreichte die Ligue 1 den 5. Platz hinter der Premier League, LaLiga, der Bundesliga und der    Serie A. Eigentlich gar nicht so schlecht, möchte man glauben. Allerdings ist die Liga punktetechnisch abgeschlagen und näher an der portugiesischen Liga NOS auf Platz 6, als den anderen Top-Ligen. Tatsächlich konnte die Ligue 1 laut UEFA die europäische Elite im letzten Jahrzehnt nicht ein einziges Mal überholen und fiel zwischenzeitlich sogar hinter Portugal auf Rang 6 zurück.

Das größte Problem der Liga ist allerdings der Trophäenschrank, beziehungsweise die Leere, die darin herrscht. Nur ein einziges Mal konnte ein Ligue 1-Team die Champions League gewinnen (Olympique Marseille in der Saison 1992/93). Damit liegt sie nicht nur hinter LaLiga (18 Titel), der Premier League (13), der Serie A (12) und der Bundesliga (8), sondern auch noch hinter der Eredivisie (6) und der Liga NOS (4). Ein französisches Team hat es in der Geschichte der Champions League nur sieben Mal bis ins Finale geschafft. Im Vergleich, spanische Teams standen allein in den letzten 10 Jahren öfter im Finale (8 Mal). Noch schlimmer ist die Situation in der Europa League - die konnte nämlich noch kein französischer Verein gewinnen. Außerdem wurde der Ballon d´Or erst ein Mal einem Spieler aus der Ligue 1 verliehen (Jean-Pierre Papin im Jahr 1991, Olympique Marseille). In seinem Tweet feierte Mbappé, dass zwei Vereine aus Frankreich im Halbfinale antreten durften. Wie viel Grund er zum Feiern hatte, wusste er vermutlich selbst nicht. Ironischerweise war das noch nie zuvor der Fall! In den letzten 10 Saisons schafften es nur 3 französische Teams dorthin.

Im Fußball geht es natürlich nicht ausschließlich um Titel, leider tut keine der wichtigsten Statistiken der Liga wirklich einen Gefallen . Bei der Weltmeisterschaft 2018 in Russland wurden insgesamt 47 Spieler aus der Ligue 1 in ihre jeweiligen Nationalmannschaften berufen. Auch hier liegt die Liga weit hinter ihren Konkurrenten - der Premier League (108), LaLiga (78), der Bundesliga (62) und der Serie A (58) - zurück. Auch die Stadien von Frankreichs Fußballelite sind vergleichsweise schlecht gefüllt - laut "Statista" sind die durchschnittlichen Zuschauerzahlen so niedrig wie in keiner anderen der Top-5-Ligen.

Die Liga schafft es einfach nicht, ihre Top-Talente zu halten. Jedes Jahr verlassen die vielversprechendsten Spieler Frankreich, um in anderen Ligen ihr Glück zu versuchen. Letztes Jahr waren es Nicolas Pépé, Tanguy Ndombélé und Nabil Fekir, diese Saison wechselten Victor Osimhen, Gabriel Magalhães und Edouard Mendy zu europäischen Top-Vereinen. Bis auf PSG kann sich aber kein anderer Club in der Liga teure Stars leisten. Nur zwei Vereine haben überhaupt schon einmal über 30 Millionen Euro für einen Spieler ausgegeben. Wenn man das mit den 5 Clubs aus der Bundesliga, den 6 Clubs in LaLiga und der Serie A und den unglaublichen 17 Clubs aus der Premier League vergleicht, scheint es verständlich, warum es den meisten Vereinen in der Liga an Qualität mangelt. In diesem Zusammenhang ist es außerdem interessant, dass die Ligue 1 als einzige der Top-5-Ligen, über die letzten 10 Jahre gesehen, eine positive Transferbalance vorzuweisen hat - und das trotz den Mega-Transfers von Neymar und Mbappé, die PSG insgesamt 357 Millionen Euro gekostet haben.

Die Ligue 1 ist ohne Frage weit hinter der europäischen Elite. Eine Bauernliga? Ganz sicher nicht. Aber sie hat definitiv noch nicht zu den höchsten Spielklassen der Top-Nationen aufgeschlossen. Es ist eine bizarre Situation, in der sich Frankreich befindet. Die Nationalmannschaft ist voller Superstars, zählt zu den besten der Welt und konnte in ihrer Historie bereits eine Vielzahl von Erfolgen einfahren. Im Kontrast dazu steht die maximal durchschnittliche heimische Liga, die bis auf einen Titel nichts Nennenswertes vorzuweisen hat, obwohl Frankreich viele der besten Jugendspieler des Planeten ausbildet. Die meisten Vereine haben allerdings nicht die finanziellen Mittel, um die hohen Gehälter und Transfersummen zu zahlen, die in anderen Ligen geboten werden. Viele Spieler entscheiden sich deshalb dazu, ins Ausland zu wechseln. Das schwächt nicht nur die Ligue 1, sondern stärkt im Umkehrschluss auch die Konkurrenz. Aufgrund dessen, fällt es den Clubs schwer, auf europäischer Bühne konkurrenzfähig zu sein. Das führt wiederum dazu, dass das Ansehen der Liga sinkt, was sie für Superstars unattraktiv macht. Es ist ein Kreislauf, mit dem viele Ligen zu kämpfen haben und aus dem es schwer ist, auszubrechen. Allerdings ist man in den Führungsetagen der Vereine optimistisch, Grund dafür sind die Effekte, der COVID-Krise. Lorient-Präsident Loïc Féry erzählte dem englischen "Guardian" im September dieses Jahres: "Ich glaube, dass dieser Trend bald abklingen wird, weil die stärksten europäischen Ligen - aus England und Deutschland - wahrscheinlich nicht mehr so hohe Einnahmen haben werden, wie zuvor, das heißt wiederum, dass es eine Art Aufholeffekt geben wird." (übersetzt, Original in englischer Version) Außerdem wurde ein neuer TV-Rechte-Vertrag mit Mediapro unterzeichnet, um der Liga zu helfen, die Lücke zu den anderen großen Ligen zu schließen. Die Rundfunkeinnahmen für die nächsten vier Saisons haben sich damit laut dem Guardian auf 1.1 Billionen Euro pro Jahr verdoppelt. Damit hat die Ligue 1 den zweitbesten Vertrag aller Top-5-Ligen, nur die Vereine aus der Premier League bekommen mehr. Es gibt Einiges aufzuholen, aber Potenzial ist ohne Zweifel vorhanden und mit den jüngsten Erfolgen und einem lukrativen TV-Vertrag, gibt es für die Ligue 1 vielleicht doch noch Hoffnung.

Autor: Dominik Plöchl